Das ist wirklich meine Wahrheit

Caspar Sessler, Die Bewegung, 2016, 1.9×2.5m Abb. © Caspar Sessler

FOTOGRAFIE

Mit Caspar Sessler

Der Fotografieworkshop startet mit fotografischer Praxis zu Ideenfindung, Technik und unterschiedlichen Genres und zielt im Anschluss auf die Entwicklung individueller “fotografischer Wahrheiten”.

Thematischer Ausgangspunkt ist das Wort des Jahres 2016, das durch Zeitgeschehen, Medien und Politik geistert: postfaktisch – also die gefühlte Wahrheit. Im postfaktischen Zeitalter wiegen gefühlte Wahrheiten und spekulative Zusammenhänge schwerer als belastbare Fakten. Das Verhältnis von Fotografie und Wahrheit ist schon lange (immer?) ein ambivalentes, die Diskussion über dieses Verhältnis so alt wie die Fotografie. Was bedeutet nun die jüngste Verschiebung der Gewichtung von Glauben und Wissen für die Fotografie? Welche Rolle spielen dabei die sog. sozialen Medien? Und wie bekommen Fotos überhaupt Gefühle?

Fotografische Fingerübungen als Start in den Workshop fokussieren den fotografischen Blick, den Umgang mit der Technik sowie individuelle Fragen. Touchiert werden Genres wie Portrait-, Studio- oder Sachfotografie. Komplexer werdende Tagesaufgaben bilden den gesamten Arbeitsprozess von Bildidee, Planung, Umsetzung, Bildauswahl, Bildbearbeitung und Ausgabe ab. Neben der vom Künstler betreuten Einzelarbeit ist die gemeinsame Besprechung der Bildfindungen elementarer Bestandteil des Workshops.

In der zweiten Workshopwoche dreht sich alles um die eigene künstlerische Arbeit. In einem Rhythmus aus Impulsvorträgen, freier Arbeitszeit und gemeinsamen Besprechungen entwickelt jede/r Teilnehmer/in eine eigene fotografische Wahrheit. Diese kann sich auf die postfaktische Diskussion in politischer, gesellschaftlicher, künstlerischer oder technologischer Dimension beziehen – oder aber bestehende Arbeitsansätze fortführen.

Materialkosten: ca. 30 €

Bitte mitbringen: fotografisches Basiswissen sowie eine eigene Kamera, die manuelle Einstellungen erlaubt.

Workshopzeitraum: 17.–28.07.2017

Anmeldung

 

Caspar Sessler ist als Fotograf sowohl in der angewandten Fotografie als auch in der Kunst zu Hause. Sesslers freie Arbeiten kreisen häufig um gesellschaftlich-politische Themen wie Veränderung und Fortschritt. Unter dem Arbeitstitel »St. Anger«, aus der die abgebildete Arbeit stammt, untersucht er die »Banalität des Bösen«, ihre Mechanismen der Macht, ihre Psychologie sowie selbstreflektierend, die eigene menschliche Grenze von Gut & Böse.

Wo liegen die Schwelle und das eigene Potenzial von schlecht gelaunt und wütend sein hin zu der Zuschreibung zu einem schlechten oder gar bösen Menschen? “Die Bewegung” zeigt eine Pegida Demonstration auf dem Dresdener Marktplatz aus dem Jahr 2016, die als Collage einzelner kleinformatiger Fotografien ein großes Bild (1,9 x 2,5 m) der rechtspopulistischen Organisation liefert und gleichzeitig das Momentum Zeit, das Medium Fotografie und inhaltliche Fragen auch in der Form reflektiert.

Das ist wirklich meine Wahrheit, die ich hier erzähle.« Sylia S. Aussage im Prozess gegen Beate Zschäpe und den NSU bringt den heutigen Stellenwert von belegbaren Fakten unfreiwillig präzise auf den Punkt: S. betonte hartnäckig, dass sie weder die politischen Ansichten noch die Absicht hinterfragt habe, warum Beate Zschäpe ihre Krankenkassenkarte gekauft habe – weil sie generell nie etwas hinterfrage.

Caspar Sessler I Jahrgang 1982, Studium in Mannheim und Bremen, seit 2016 Dozent für Fotografie an der DHBW-Mannheim, seit 2013 Dozent für Digitale Mediengestaltung an der Kunstschule Wandsbek Bremen, 2016 Berlin-Stipendium des Senator für Kultur der Freien Hansestadt Bremen, 2014/2015 Workshop »private/public« in Riga & Bremen, vielfältige Ausstellungen und Ausstellungsbeteiligungen, lebt und arbeitet in Bremen.
www.casparsessler.com